W 108

Gebrauchtwagen aus zweiter Hand.

Ehemaliges Direktionsfahrzeug: 1972 Mercedes-Benz 280 SE 3.5 (W108)

 

Von Guy Müller, Mercedes Fans.de Friedrich W. Thüner
Einer der letzten dieser Modellbaureihe, erstmalig zugelassen am 21.02.1972, automobile Oberklasse seiner Zeit, auch heute ein Hingucker, wo immer er unterwegs ist. Noch immer erstrahlt er in seinem glänzenden ersten Lack und ist in einem Zustand, als wäre er kaum benutzt. Es geht um einen 280 SE 3,5 in repräsentativem Dunkelblau, der Umgebung in seinem ersten Lebensabschnitt entsprechend. Doch davon später…
Als Nachfolger der Heckflossenmodelle W 111 /112 legte die Marke mit dem Stern im August 1965 den W 108 als neue Oberklasse auf. Er wurde zunächst gebaut als 250 S, 250 SE und 300 SE. Neu gegenüber seinen Vorgängern waren die Scheibenbremsen an allen vier Rädern. Bei den Motoren griff man für die 250er Modelle auf aufgebohrte Blöcke der 220er Reihe zurück. In der Karosserieform deutete der für das Design zuständige Paul Bracq die bisherigen Heckflossen nur noch ansatzweise an.

Direktionsfahrszeug der Staatlichen Sparkasse von Luxemburg

 

Nachdem ab Januar 1968 die Sechszylinder- Modelle 280 S und 280 SE angeboten wurden, erschienen ab Juli 1970 der 280 SE 3,5 und der 280 SEL 3,5, beide mit einem 3,5l V8 Motor und 200 PS unter der Haube. Er erhielt, wie der 300 SEL 3,5, bei dem Mercedes- Benz 1969 erstmalig serienmäßig eine elektronische Einspritzung einsetzte, eine Bosch- D- Jetronik. Gebaut wurde der 280 SE 3,5 bis zum Herbst 1972.

Im Frühjahr des letzten Baujahrs entschloss sich die Banque et Caisse d´ Epargne de l´Etat (Staatliche Sparkasse von Luxemburg), ihrem Direktor dieses Spitzenmodell der damaligen Technik zu gönnen. 200 PS, 200 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit und ein Stern auf der dunkelblauen Kühlerhaube hatten wohl bis zum Anfang der 80er Jahre für die Bank das richtige Repräsentationspotential. Gepflegt und gewartet durch die Bank selbst blieb die Nobelkarosse optisch und technisch in dauernder Bestform, für ein Vorstandsmitglied der Bank Anreiz genug, das Schmuckstück anschließend als Privatfahrzeug zu kaufen, um es gehegt und gepflegt in seinem unrestaurierten Originalzustand bis April 2015 zu genießen.

Er verkaufte diesen „Gebrauchtwagen aus zweiter Hand“ im April 2015 an den jetzigen stolzen Besitzer Guy Müller. „Das Auto kam mir wie gerufen“, berichtet der passionierte Liebhaber alten Blechs. Ein perfekter Zustand, fast wie zu Auslieferungszeiten, bei einem Kilometerstand von 134.774, da gab es nichts zu überlegen. 2002 bei den seinerzeit in Luxemburg stattfindenden Mercedes-Benz Classic Days als Zuschauer vom Oldtimerbazillus mit Stern infiziert, ist Guy nicht nur Sammler schöner Fahrzeuge mit besonderer Geschichte, sondern auch ihr begeisterter Fahrer. Rallyes und oft länderübergreifende Oldtimerveranstaltungen sind seine Welt.

Mercedes-Benz Klassiker: Gebrauchtwagen aus zweiter Hand

Ausschließlicher Copilot war dabei bisher sein an einen Rollstuhl gefesselter portugiesischstämmiger Freund Paulo Lopes. Seit dem Kauf des 280 CE 3,5 hat sich die Aufgabenteilung der beiden Partner jedoch etwas verändert, denn dank des sehr weit nach vorn verschiebbaren Fahrersitzes des W 108, seiner Servolenkung und -bremsen sowie seiner Getriebeautomatik kann Paulo dieses Auto ebenfalls fahren und das immer wieder mit neuer Begeisterung sowohl über den Wagen, als auch über das eigene Leistungsvermögen.

Unterwegs auf Erlebnistour

Ihren letzten Langstreckeneinsatz hatten die beiden Freunde im vergangenen Jahr bei der von Mercedes-Benz Classic alljährlich unter dem Motto „Mercedes-Benz & Friends“ veranstalteten Erlebnistour. Diese führte sie nach den Alpen mit Dolomiten über Venetien zur Adria und zu den Kroatischen Inseln.

Guy erzählt: „Wir starteten in einer auf Hochglanz polierten 280 SE 3.5 Limousine Richtung Süden. Der Himmel gab uns seinen Segen großzügig dazu, und so waren die Scheibenwischer die ersten 300 km praktisch im Dauereinsatz. Doch je näher wir unserem Tagesziel, den Seefelder Alpen, kamen, desto besser wurde das Wetter und die Nässe des Regens draußen wurde bei nicht vorhandener Klimaanlage durch unser Schwitzen im Inneren ersetzt. Der eine oder andere Oldie gönnte sich unterwegs eine Zwangspause mit offener Motorhaube am Straßenrand, um der Hitze im Motorraum Herr zu werden. Doch die Hitzeschlacht hatte erst begonnen!

Am zweiten Tag starteten wir zur langen Bergetappe Richtung Chioggia bei Venedig. Drei Routen, von einfach und zügig bis anspruchsvoll standen zur Auswahl. Die meisten, so auch wir, bevorzugten die mittelschwierige 420 km lange Strecke, für die eine Gesamtfahrtzeit von 7,5 Stunden eingeplant war. Serpentinen, Steigungen, Abfahrten, enge Passagen, Tunnels und immer wieder herrliche Ausblicke und Panoramen entschädigten uns großzügig für die Schwitzkur bei bis zu 37°C. Aus den 7,5 waren schließlich wegen Staus am Brenner fast 9 anstrengende, aber unvergessliche Stunden geworden“.
Bei dieser Schilderung ist unter Komfortaspekten leicht nachzuvollziehen, warum Guy –siehe oben- sagt, das Auto sei ihm wie gerufen gekommen. Lediglich die fehlende Klimaanlage dürfte bei den beiden Freunden negativ zu Buche geschlagen haben.
Weiter geht´s mit Guys Schilderung: „Der letzte Tag war der sportlichste und auf dem Adria International Raceway, einer der modernsten Rennstrecken Italiens, war Motorsportfeeling pur angesagt. Unter Anleitung von Markenbotschaftern und Rennlegenden Susie Wolff, Klaus Ludwig und Manuel Reuter bestand den ganzen Tag über die Gelegenheit zu Gleichmäßigkeitsfahrten.“

Nach dieser selbstverständlich pannenfreien Tour war 2015 ein Einführungsjahr des 3,5ers beim neuen Besitzer und Paulo, wie es erlebnisreicher kaum hätte sein können. Aber auch in den nächsten Jahren gibt es sicherlich hinter dem Stern auf dem Kühler noch vieles gemeinsam zu tun… (… und die MIB-Rallye steht auch noch an (Anm. der Redaktion)
Text und Fotos: Guy Müller,  Mercedes Fans.de Friedrich W. Thüner

 
Mercedes-Fans Technische Daten
1972 Mercedes-Benz 280 SE 3.5 (W108)
Motor: 8 Zylinder V 8 ( M 116 )
Getriebe: 4 Gang Automatik
Bremsen: Scheiben vorn und hinten
Räder: Tiefbettfelgen 6J X 14 H2 – B
Reifen: 185 V 14 6 PR
Fahrwerk: Vorne Doppel-Querlenker, Schraubenfedern, Gummi-Zusatzfedern, Drehstab-Stabilisator; hinten Eingelenk-Pendelachse mit hydropneumatischer Ausgleichsfeder und Niveauregulierung, Schraubenfedern, Gummi-Zusatzfedern
Karosserie: Serie
Innenraum: Serie, Polster beige